Dienstag, 26.10.2010

Berufsschule statt Krafttraining


HSG-Torhüter Torben Koning kehrt nach Heldentat in Schwartau in Alltag zurück

Vom Tabellenletzten der 7. Liga zum ambitionierten Zweitligisten – diesen Karrieresprung vollzog Torben Koning am Sonnabend mit Bravour. Doch als die Handball-Profis der HSG sich gestern morgen zum Krafttraining trafen, paukte der Torhüter schon längst in der Berufsschule für seine Ausbildung zum Industriemechaniker bei Bentec.

Als sich die Handballer der HSG Nordhorn-Lingen gestern morgen zum Krafttraining versammelten, da fehlten nicht nur Trainer Heiner Bültmann, der diese Woche einen A-Lizenz-Lehrgang in Stuttgart besucht, sowie die niederländischen Nationalspieler Toon Leenders und Bobby Schagen, die in der Qualifikation für die Handball-Europameisterschaft 2012 in Serbien morgen in Bergen gegen Norwegen und am Sonnabend in Almere gegen Tschechien gefordert sind. Auch der Held vom 28:26 (14:14)-Erfolg am Sonnabend beim VfL Bad Schwartau fehlte: Für Torhüter Torben Koning, der nach der Roten Karte für Björn Buhrmester (30.) den ersten Auswärtssieg der Grafschafter in dieser Saison in der 2. Bundesliga Nord festhielt, war gestern bis 17 Uhr Berufsschule angesagt. Erst danach begann für den 20-Jährigen, der bei der Firma Bentec eine Ausbildung zum Industriemechaniker absolviert, die Handballschicht beim gemeinsamen Training von erster und zweiter Mannschaft unter Bültmanns Stellvertreter Ralf Lucas.

Lehrern und Mitschülern musste Koning immer wieder von seinem überraschenden Aufstieg vom dritten Torhüter der Nordhorner Oberliga-Mannschaft zum Stellvertreter der Nummer eins im Zweitliga-Tor der HSG erzählen: wie er am Freitag erfuhr, dass Dennis Bartels erkrankt sei und Remko Bezoen nicht aushelfen könne, da er beim Bau seines Hauses unabkömmlich sei. Also musste Koning bei der „Ersten“ aushelfen, der in dieser Saison bislang vornehmlich bei der HSG-Dritten zum Einsatz gekommen ist – mit 2:8 Punkten Tabellenletzter der Weser-Ems-Liga, der siebthöchsten Spielklasse.%break%

Für Koning erst einmal kein Grund zur Aufregung. Denn: „Ich habe gedacht, vielleicht komm’ ich für einen Siebenmeter rein – wenn überhaupt.“ Doch dann war er durch die Disqualifikation Buhrmesters plötzlich gefordert. „Erst war ich geschockt“, berichtet er und habe gedacht: „Eine ganze Halbzeit in so einem Spiel ...“ Auch auf der Bank blickte man sich unsicher an. Und nach der tollen Darbietung von Buhrmester und seinen Vorderleuten, die beim daheim unbesiegten VfL zu diesem Zeitpunkt 14:13 führten, durchfuhr es auch Lucas: „Ich dachte: Jetzt wird’s schlimm.“

Doch dann entwickelte sich eine Geschichte, wie sie so wohl nur der Sport schreiben kann. „Die Nervosität war natürlich da“, erinnert sich Koning an den Beginn der zweiten Halbzeit, „aber das hat sich gegeben, als ich mich aufs Spiel konzentrieren musste.“ Und nach der ersten Parade, der schon schon bald der erste von zwei gehaltenen Siebenmetern folgte, steigerte er sich immer mehr. „Es hat bei mir an diesem Tag einfach alles gepasst“, sagt Koning, der gegen den heimstarken Tabellenzweiten nur zwölf Treffer zuließ und so schnell wohl nicht vergessen wird, wie es ist, „wenn 2000 Leute in der Halle gegen dich sind“, wo doch sonst in der Weser-Ems-Liga „gerade mal 30 Zuschauer in der Halle sind“. Lucas lobt: „Er hat das Spiel seines Lebens gemacht, das absolute Highlight seiner Karriere, ein Spiel, das in die HSG-Geschichte eingeht.“ Doch Trainer und Torwart wiesen auch auf die starke Leistung der Abwehr hin: „Die haben mir geholfen und mich toll unterstützt“, dankte Koning seinen Vorderleuten.

Das kommende Wochenende wird für ihn sportlich einige Nummern kleiner ablaufen – entweder im Oberliga-Spiel der Reserve gegen den TV Cloppenburg (Sbd., 19.30 Uhr, Euregium) oder im Tor der Dritten gegen die HSG Friesoythe (Sbd., 19 Uhr, Kreissporthalle). „Bislang war es so, dass Torben an Dennis und Remko nicht vorbei kommt, obwohl er Fortschritte gemacht hat“, beschreibt Lucas die Hierarchie seiner drei Keeper, doch der Trainer hofft, dass Koning nach dem Schwartau-Spiel „einen zusätzlichen Schub bekommt“. Denn: „Die Torwart-Frage ist immer offen. Und wenn Torben die Leistung im Training bestätigt, ist er dran. Dann wird die Reihenfolge neu diskutiert.“

Torben Koning lässt das mit der ihm eigenen Ruhe und Gelassenheit auf sich zukommen. „Der Anreiz ist da“, sagt er. Und der Rat der Profis auf der Rückfahrt von Lübeck nach Nordhorn, auf der, so Lucas, „ein paar Bierchen mehr als üblich“ verzehrt worden seien, war ohnehin nicht ernst gemeint: die Karriere beenden und ein Buch schreiben.

von Frank Hartlef