Handballer mit Hang zur Landwirtschaft

01.08.2011

HSG-Kreisläufer Toon Leenders träumt von der 1. Liga und übernimmt später den Hof seiner Eltern

Doch erst einmal richtet der 24-jährige Niederländer sein Augenmerk auf die kommende Saison. In seinem zweiten Jahr in Deutschland will er sich weiter verbessern und mit der HSG Nordhorn-Lingen die eingleisige Zweite Liga erreichen.

Wenn man in die Statistik der 2. Handball-Bundesliga schaut, dann könnte man Toon Leenders schnell als „Rüpel“ abstempeln: Der niederländische Nationalspieler der HSG Nordhorn-Lingen erhielt vergangene Saison die meisten Roten Karten (8) und die meisten Zeitstrafen (43). Doch als „böser Bube“ der Liga taugt der 24-Jährige nicht. In seinem ersten Jahr als Profi in Deutschland bescherte ihm eine Mischung aus Unerfahrenheit und Übermotivation die Flut an Bestrafungen, was schnell dazu führte, dass der 2,02 lange Kreisläufer bei den Schiedsrichtern unter besonderer Beobachtung stand.

Wenn man die Strafen sieht, raümt Heiner Bültmann ein, „kann man schon denken: Was ist das denn für ein Typ?“ Doch für den Trainer sind die Hinausstellungen schlüssig zu erklären. Beim Übergang von der Ehrendivision in die 2. Liga Nord bereitete Leenders das Tempo Probleme. Dadurch sei er oft einen Schritt zu spät gewesen und weil es ihm auch an der Cleverness mangelte, habe er das oft mit ungeschickten Fouls ausbügeln wollen. „Aber das ist viel besser geworden und in der Rückrunde hat er schon nicht mehr so viele Zeitstrafen bekommen“, ist Bültmann mit der Entwicklung des Kreisläufers zufrieden, an dem er vor allem dessen Physis, seine Lernfähigkeit und Gewissenhaftigkeit schätzt. Er sei fangsicher, müsse sich im Abschluss aber noch verbessern.%break%

Im Innenblock der Abwehr ist Leenders für diese Saison gesetzt, in der es um die Qualifikation für die eingleisige 2. Liga geht. Und kräftig zuzupacken, das geht ihm sozusagen von Kindheit an in Fleisch und Blut über. Schließlich betreiben seine Eltern daheim in Neederwegt Eind bei Venlo eine Landwirtschaft. Und Toon und seine Schwester packen mit an, wenn es ihre Zeit erlaubt, um den Betrieb mit 120 Milchkühen und 110 Jungtieren am Laufen zu halten. Und eines steht für Toon fest. „Wenn ich nicht mehr Handball spiele, übernehme ich den Betrieb meiner Eltern. Das ist meine Zukunft.“ Selbst in der kurzen Sommerpause, die für ihn wegen der WM-Qualifikationsspiele mit Holland gegen Österreich nur gut drei Wochen betrug, half er daheim mit. Schließlich wird gerade ein neuer Stall gebaut mit verbesserter Technik, die es ermöglicht, mehr Kühe in kürzerer Zeit zu melken.

Weil in der Landwirtschaft eigentlich immer jede helfende Hand benötigt wird, ist Leenders froh, dass seine Eltern ihn ermutigt haben, sich als Handballprofi zu versuchen. Kein Wunder: Mutter Fien spielte einst selbst bis zur 2. Liga in Holland. Und als dem kleinen Toon das Fußballspielen mit zwölf Jahren zu eintönig wurde, weil er als Verteidiger immer nur dafür zuständig gewesen sei, dem Gegner den Ball abzujagen und dann abzuspielen, ermunterten die Eltern ihn, zum Handball zu wechseln. Bei BouwCoach Bevo HC Panningen durchlief er die Jugendteams, debütierte mit 17 in der Ehrendivision, wurde Junioren-Nationalspieler und ist seit 2008 fester Bestandteil des A-Nationalteams.

So oft es geht, schauen Wim und Fien Leenders bei den HSG-Spielen ihrem Sohn zu. „Die ganze Familie ist Handball verrückt“, sagt Toon, der mit seiner Freundin Carlijn Heesen in Nordhorn lebt. Die Pädagogik-Studentin spielte vergangene Saison ebenfalls für die HSG, hat sich nun aber dem niederländischen Zweitligisten Hengelo angeschlossen.

Dank seiner offenen Art hat Leenders sich schnell bei der HSG eingelebt. Er gilt bei seinen Kollegen als absoluter Fußball-Experte, den man mit jeder Fachfrage konfrontieren kann und besonders freuen sie sich, wenn er eine seiner gekonnten Parodien zum Besten gibt, zum Beispiel Bayern-Trainer Louis van Gaal imitiert.

Sportlich erwartet Heiner Bültmann in der kommenden Saison von seinem Kreisläufer eine weitere Steigerung. Und nach den Abgängen der Leistungsträger Maik Machulla und Nicky Verjans wünscht sich Bültmann, „dass Toon mehr Verantwortung übernimmt“. Der will seinen Teil dazu beitragen, dass das Saisonziel erreicht wird. „Die eingleisige Zweite Liga müssen wir eigentlich schaffen“, findet der längste HSG-Spieler, und hofft, dass es für ihn so gut weiter geht wie in seiner Premierensaison: „Das war ein super Jahr für mich, in dem ich viel gespielt und gelernt habe beim Training mit guten Handballern.“ Doch um seinen Traum zu verwirklichen, liegt noch ein weiter Weg vor ihm: „Einmal erste Liga spielen.“

 

von Frank Hartlef