Die idealtypische HSG-Karriere

01.08.2011

Alexander Terwolbeck, vom Jugendspieler auf dem Weg ins Zweitliga-Team

Der 19-Jährige ist eines der Nordhorner Eigengewächse, die das Zeug zu einer Bundesliga-Karriere haben. Der 1,83 m große Rechtshänder steht vor einer strapaziösen Saison, in der er immer mehr bei der ersten, aber weiterhin auch bei der zweiten Mannschaft in der Oberliga spielen soll.

Jugend, Reserve, erste Mannschaft – Alexander Terwolbeck hat bei der HSG Nordhorn die idealtypische Karriere hingelegt. Als Fünfjähriger griff er 1996 erstmals zum Handball, weil er seiner älteren Schwester Theresa nacheiferte. Mit 19 hat er nun auch offiziell den Schritt zu den Senioren vollzogen, wo er schon seit zwei Jahren regelmäßig trainiert und in den Spielen der ersten und zweiten Mannschaft in 2. Bundesliga und Oberliga dabei ist. In dieser Saison schickt er sich an, fester Bestandteil der Mannschaft von Trainer Heiner Bültmann zu werden, als Nummer zwei auf der Spielmacher-Position hinter Kapitän Stephan Wilmsen, solange Nils Meyer auf der Halbposition benötigt wird.
Der Schüler, der im kommenden Frühjahr am Stadtring-Gymnasium Abitur macht, entspricht damit dem Idealtypus für die HSG, die mangels wirtschaftlicher Potenz immer mehr auf Eigengewächse setzt. Mit Matthias Poll und Hannes Hombrink gehören zwei Spieler zum Kader des Zweitligisten, die mit Terwolbeck in sämtlichen Jugendmannschaften zusammen gespielt haben.
Terwolbeck hat nicht nur in jungen Jahren mit dem Handballspielen begonnen, er ist auch als kleiner Junge zu den Bundesligaspielen ins Euregium gegangen und hat als Fan die Daumen gedrückt und seine Idole angefeuert. Ein internationaler Ausnahmekönner wie Glenn Solberg zählt seither zu den Vorbildern auf seiner Position. Und von Maik Machulla, der bis zur vergangenen Saison einer der Letzten aus der großen Zeit des Nordhorner Handballs im HSG-Trikot war, hat er im Training und bei den Spielen viel lernen können. „Man braucht Idole, um sich etwas abzuschauen“, sagt er. Auch von seinen erfahreneren Mitspielern Stephan Wilmsen und Nils Meyer könne er enorm profitieren.
Nach der Insolvenz im Frühjahr 2009 sind andere Zeiten angebrochen und die Nationalspieler mussten den Klub verlassen. „Für uns junge Spieler ist daraus eine Chancen entstanden“, weiß Terwolbeck, dass der HSG-Nachwuchs davon durchaus profitiert hat. Als Jugendlicher konnte er schon bei Ola Lindgren trainieren, weil dem plötzlich die Spieler ausgingen. Als 17-Jähriger debütierte er in der Ersten Liga, kam zu Kurzeinsätzen in den Heimspielen gegen den TV Großwallstadt (32:27), den THW Kiel (27:38) und HBW Balingen-Weilstetten (32:30). „Vor so vielen Zuschauern fünf Minuten gegen Kiel zu spielen, war schon ein Highlight“, erinnert sich der Mittelmann, den es noch immer wurmt, dass er mit einem verworfenen Siebenmeter gegen Balingen die große Chance zu seinem ersten Bundesligator ausließ.
Zu den hervorstechenden Eigenschaften Terwolbecks zählt Trainer Bültmann dessen Ehrgeiz. „Das muss im Sport schon sein“, sagt der für einen Rückraumspieler mit 1,83 m eher klein bemessene Mittelmann. Diesen Nachteil versucht er durch Schnelligkeit und Pfiffigkeit auszugleichen. „Er ist sehr explosiv und spielintelligent“, charakterisiert Bültmann die Nachwuchshoffnung, „und arbeitet sehr gut mit dem Kreisläufer zusammen.“ Die fehlende Muskelkraft, die sich vor allem beim Durchsetzungsvermögen und der Wurfkraft negativ bemerkbar macht, versucht Terwolbeck mit zusätzlichen Schichten nachmittags im Fitnesscenter anzutrainieren. Denn wenn die Kollegen morgens beim Krafttraining die Hanteln stemmen, drückt er die Schulbank und bereitet sich in den Leistungskursen Sport, Biologie und Politik sowie den Prüfungsfächern Deutsch und Englisch aufs Abitur vor. Dass ihm Lehrer und Schulleitung entgegen kommen, wenn es wie zum Beispiel am vergangenen Wochenende darum geht, für den Schindler-Cup in Hamburg am Freitag vom Unterricht befreit zu werden, weiß er dankbar zu schätzen.
Was nach dem Abitur kommt, davon hat er noch keine genaue Vorstellung. „Vielleicht studieren“, sagt er. Ein genaueres Bild hat er davon, wie die sportliche Karriere verlaufen sollte: „Irgendwann mit Handball sein Geld zu verdienen, wäre absolut ein Traum“, sagt er und weiß aus der gemeinsamen Zeit mit den Profis bei der HSG: „Wenn man deren Tagesablauf sieht, da würde doch jeder gerne tauschen.“ Doch er ist auch Realist genug, um zu wissen: „Profi zu werden, davon kann man träumen, aber man kann es nicht planen.“ Deswegen will er vorbereitet sein und eine Alternative haben, wenn es mit der Handball-Karriere nicht klappt.
Das Potenzial, sich bei der HSG zu etablieren, sieht der Trainer in Terwolbeck auf jeden Fall, weiß aber, dass dieser Prozess Zeit erfordert: „Es ist schon ein Riesensprung von der Jugend in die Zweite Bundesliga. Aber in ein, zwei Jahren kann Alex ein fertiger Zweitligaspieler sein.“ Und wenn er sich bei der HSG etabliert habe, könne auch die Erste Liga ein Thema werden. Dass Terwolbeck in den Einsatzzeiten, die ihm der Trainer gewährt, mit Selbstvertrauen seine Chance nutzen will, imponiert Bültmann besonders: „Das ist für einen Spieler seines Alters nicht selbstverständlich.“
Klar, dass Terwolbeck sich und seinen Kollegen auch zutraut, die Qualifikation für die eingleisige 2. Liga zu meistern: „Das ist wichtig für die HSG und für Nordhorn“, sagt er und verweist auf das nach wie vor bestehende Interesse des Handball-Publikums: „800 verkaufte Dauerkarten zeigen doch, dass vielen Leuten hier immer noch etwas am Handball liegt. Und wir haben eine Mannschaft, die gut genug ist, das zu schaffen.“

von Frank Hartlef